Thomas Hürlimann wurde am 21. Dezember 1950 in Zug geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums an der Stiftsschule Einsiedeln studierte er Philosophie in Zürich und Berlin. Drei Jahre arbeitete er
als Regieassistent und Produktionsdramaturg am Schiller–Theater in Berlin, wo er bis Mitte der 80er Jahre lebte. Bekannt wurde Thomas Hürlimann durch seinen ersten Erzählband Die Tessinerin
(1981), für den er den Aspekte-Literaturpreis erhielt. Es folgten die vielbeachtete Novelle Das Gartenhaus (1989) und der Erzählband Die Satellitenstadt (1992). Seine Theaterstücke setzen sich
vor allem mit dem Verhalten der Schweiz während des zweiten Weltkriegs und mit ihrem heutigen sozialen und gesellschaftspolitischen Selbstverständnis kritisch auseinander: so etwa das
autobiographisch fundierte Stück Grossvater und Halbbruder (1981), Stichtag (1984), die Komödie Der letzte Gast (1990) und die Dialektkomödie De Franzos im Ybrig (1991). Hürlimann hat auch das
Drehbuch zum bekannten Schweizer Film Der Berg (1990) verfasst. Zahlreiche Texte aus seinen dramatischen wie auch seinen erzählerischen Werken wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
In jüngster Zeit machte Hürlimann mit der Veröffentlichung von Fräulein Stark (2001) und der Uraufführung von Synchron (2002) am Schauspielhaus Zürich auf sich aufmerksam. Seine aktuellste
Publikation ist eine Sammlung von Schriften zur Schweiz, die unter dem Titel Himmelsöhi, hilf! dieses Jahr im Ammann Verlag erschienen ist.
Die Franzosen rücken im Jahre 1798 in die Innerschweiz vor. Täglich erreichen neue Schreckensmeldungen von verwüsteten Städten die Gaststube des Dörfchens Ybrig. Der Pfarrer glaubt zu wissen,
dass die Mückenseuche in den Ställen die kommende Apokalypse ankündigt. Der Schulmeister ist überzeugt, gar schon einen Franzosen gesichtet zu haben. Nur der Ammann Lymbacher behält kühlen Kopf,
denn in solchen Fällen muss man vorgehen wie die Väter bei Morgarten: Auf den Berg hocken und eine Lawine aus Steinen und Eis bauen. Voller Tatendrang ziehen die Männer also auf den Berg, während
die Frauen im Dorf zurückgelassen werden. Die tapferen Männer raten ihren Frauen sich zu verhudeln, denn der Franzos steht nur auf Stadtschminkerinnen.
Doch noch bevor Franzosen das Dorf erreichen, kommt der Tod in Gestalt des Sargtoni. Eigentlich möchte er die alte Mutter Kälin holen, doch diese sprüht vor Lebenslust und so nimmt der Tod,
vertrieben von den pflegenden Frauen, halt die eben niedergekommene Vogellisi mit.
Ursel, die Pfarrköchin, riecht plötzlich einen Mann im Dorf. Tatsächlich hat sich einer ins Dorf verirrt, der holzbeinige Foulon, Napoleons Schlachtenmaler, der noch jedes Gemetzel in ein
heroisches Schlachtengemälde umzupinseln vermochte. Eigentlich wollte er ja nur ein Glas Limonade, doch geschockt sieht er sich verhudelter und stinkender Frauen gegenüber. Diesen scheint er sehr
zu gefallen, doch er hat genug von diesen „Misthaufen“ und versucht zu fliehen. Die Frauen fangen ihn ein und werfen ihn ins Gefängnis. Jede möchte nun mit dem hübschen charmanten Franzosen
flirten. Sie hocken sich in den Zuber und schmücken sich mit dem, was sich eben in einem ländlichen Haushalt so findet: Die Rosi, Lymbachers Servierperle, holt sich alle Kostbarkeiten aus der
Beiz. Toinette, die Schulmeisterin, setzt ganz auf ihren Garten. Und Ursel, die Pfarrköchin findet die feinsten Stoffe in der Kirche. So herausgeputzt schleichen sie zum Franzosen ins Stroh.
Steffi hat sich des verwaisten Kindes von Vogellisi angenommen und will nun fliehen. Sie befürchtet, dass ihr Verlobter Wendel denken könnte, das Kind sei ihr eigenes. Sie hat Angst er könnte sie
gar totschlagen. Der Händler Orgel-Jakob würde sie zwar nehmen, aber ohne das Kind. In ihrer Verzweiflung versucht Steffi Foulon zur gemeinsamen Flucht zu überreden. Inzwischen haben die Männer
die Nase voll von Eis und Schnee, und die ganze stolze Kampfmoral verlässt sie. Sie beschliessen nach Hause zu gehen. Die Frauen setzen natürlich alles daran, dass der von ihnen begehrte Franzos
nicht in die Hände ihrer Männer fällt. Fast wendet sich alles zum Guten, als von ferne Kanonendonner zu hören ist.
Im August 1991 wurde die Komödie in Einsiedeln in der Mundartversion uraufgeführt. Als Berg diente damals ein grosser Misthaufen. Nach diesen Aufführungen interessierte sich auch das
Schauspielhaus Zürich für den Franzosen. Hürlimann schrieb eigens eine hochdeutsche Fassung, die weiterhin urchig blieb und mit Helvetismen spielte. Am 31. Dezember 1995 feierte die hochdeutsche
Version Première. Neu hinzu kam die alpenmagische Musik des Komponisten Hardy Hepp, der schon zahlreiche Deutschschweizer Spielfilme vertont hat. Hürlimann schrieb in einem Nachwort über die
Wirkung von Hardy Hepps Musik „[...] über der kleinen Welt mit ihren Kriegs- und Liebeshändeln weitet sich ein Sommernachtshimmel mit all seinen Sternen.“
Das Estrich-Theater hat sich entschlossen die hochdeutsche Version mit der Musik von Hardy Hepp aufzuführen. Hürlimann entnahm Titel und Grundeinfall einem Fasnachtsspiel des Einsiedler Paters
Gall Morel aus dem Jahre 1824. Der Pater durfte nur Männerrollen erdichten und liess deshalb ein wildes Männervolk den Franzosen einfangen. Bildungsfeindliche Bauern spielten die Ybriger, während
der Franzos meist vom Dorfschullehrer dargestellt wurde. In erster Linie ging es darum, dass die ortsansässige Landbevölkerung als Schauspieler dem Schulmeister eins auswischen konnten. Hürlimann
fügte den wilden Ybrigern eine Horde Frauen hinzu, welche nun die Führerrolle übernehmen: Da ist der Schulmeister, der unter der Haselrute seiner Gattin Toinette leidet, der Pfarrer gehorcht
seiner Köchin Ursel, und der Lymbacher bemerkt erst auf dem Berg, was er an seiner Rosi eigentlich hat. Klar, dass die Frauen froh sind, als ein richtiger, charmanter Mann - der Franzos - ins
Dorf kommt.
Bald wird klar, dass Hürlimanns Fassung eine Auseinandersetzung mit der Schweiz und den Werten der geistigen Landesverteidigung ist. So berufen sich die Bauern auf die Strategie und Tradition von
Morgarten und wenden General Guisans Réduit an.
Neben dieser Parodie auf Militär und vaterländischen Geist steht der bittere Ernst. Nahezu immer präsent ist der Tod, personifiziert in der Figur des Sargschreiners Sargtoni. Dieser sitzt sowohl
als realer Mitbürger mit den Mannen am Tisch, erscheint aber auch an andern Stellen als symbolische Figur des Todes. Zu Beginn steht die Angst vor dem kommenden Krieg und dem Tod. Mit dem
Einsetzen der Geschichte über den verirrten Franzosen, die lebenshungrigen Frauen und der männlichen Guisan-Morgarten-Heldenparodie, geht der Tod beinahe vergessen. Zum Schluss endet das Stück
aber wieder mit der todsicheren Gewissheit: „wir kippen alle, alle in die Falle“.
Am bekanntesten ist die Schweiz wohl für ihre wunderbare Bergwelt und für Heidi. Die Berge wurden aber bevor es Heidi und den Tourismus gab als weit weniger freundlich empfunden. Man sah in den
Bergen und Tälern und der damit verbundenen spartanischen Lebensweise den Grund für den rauen und groben Charakter der alten Eidgenossen. Man glaubte, dass die wilden Berge die Eidgenossen durch
und durch prägten, vom holprigen Dialekt, über die stämmige Gestalt bis hin zu ihren Fähigkeiten in Sachen Krieg. Die Rauheit äusserte sich nämlich besonders in den kriegerischen Tätigkeiten des
wilden Bergvolkes. Die Söldnertradition begann nach den Siegen über Karl den Kühnen bei Grandson, Murten und Nancy, wo sich die Eidgenossen den Ruf, zähe Krieger zu sein, erwarben. Als Söldner
waren die Schweizer danach in der ganzen Welt beliebt. Oft kämpften sie für Geld auf beiden Seiten der Kriegsparteien. Die Einwohner der Schweiz waren aber nicht deshalb hervorragende Krieger,
weil ihr Charakter sehr berggeprägt gewesen wäre. Wahrscheinlich waren sie so erfolgreich, weil sie sich nur leichte Waffen leisten konnten und die ungelenken, schweren Ritter so mühelos
besiegten. Auch das Söldnertum entsprang nicht einer Lust am Krieg. Die jungen Männer verpflichteten sich als Söldner, weil der karge Boden nicht genügend hergab um alle überlebenden Kinder einer
Bauernfamilie zu ernähren. Die Schweizer mussten auswandern und ihr Geld bei fremden Königen verdienen.
Zwölf Schweizer Regimenter standen auch in den Diensten des französischen Königs, als 1789 die Revolution ausbrach. Die Schweizer verteidigten den König gegen das erzürnte Volk. Die meisten
liessen dabei ihr Leben. Die Heimkehr der Überlebenden war nicht besonders angenehm, wie sich auch in Gotthelfs Bauernspiegel nachlesen lässt. Besonders die Innerschweizer hielten nichts von den
Franzosen und ihren aufklärerischen Ideen. Als die Franzosen von einigen Intellektuellen auch in die alte Schweiz gerufen wurden, setzten sich die Innerschweizer heftig zur Wehr. Schliesslich
mussten sie sich aber doch ergeben.
Heute sind die Schweizer nicht mehr als tapfere Krieger bekannt. Die vatikanische Garde ist nur noch eine touristische Attraktion. Höchstens beim Waffenexport hat die Schweiz etwas zu bieten.
Heute sieht sich die Schweiz in einer friedlichen Tradition. Das rote Kreuz und das Humanitäre stehen im Zentrum. Den Einfluss der Berge haben wir besiegt. Die Berge stehen heute für eine heile
friedliche Welt, wo Genauigkeit und Präzision regieren. Ein hochtechnisiertes Land, das seine Berge gezähmt hat. Daneben stehen die Berge für die Sicherheit aber auch Langsamkeit unserer
Demokratie. Wer weiss welche den Schweizern nachgesagten Charakterzüge von den Bergen und Tälern herrühren...
| Regie | Susanne Zürrer |
| Musikalische Leitung und Klavier | Thomas Schuler |
| Akkordeon | Ruth Jakob |
| Perkussion und Marimbaphon | Sebastian Müller |
| Querflöte | Charlotte Renn |
| Violine | Micha Sennhauser |
| Bewegungstraining | Theresa Moser |
| Bühnenbild (Entwurf) | Peter Nüesch |
| Bühnenbau | Thomas Wiedmer, Wolfgang Fischer, Franz Furrer, Reto Secchi, Renate Wiedmer |
| Transporte und Bühnenaufbau | Thomas Wiedmer |
| Kostüme (Entwurf und Ausführung) | Vreni Urech |
| Maske und Frisuren | Isabelle Graf, Andrea Lüthi |
| Beleuchtung (Konzept und Einrichtung) | Margrit Reiser |
| Beleuchtung (Abendspielleitung) | Herbert Reinhard |
| Buffet und Administration | Ursi Scheidegger, Oliva auf der Maur |
| Buchhaltung und Abendkasse | Fränzi Gutjahr |
| Fotos (Probefotos) | Bruno Oberhänsli, Leo Rüegsegger |
| Programmtext | Julienne Furger, Claudius Lüthi |
| Plakat (Gestaltung) | Ulli Bayer |
| Druck (Programmheft und Plakat) | Schneider Druck AG |
| Foulon | Dominik Steinmann |
| Sargtoni | Jochen Mayer |
| Mutter Kälin | Vreni Urech |
| Lymbacher, Gastwirt und Ammann | Marco Trevisan |
| Rosi, Serviertochter | Julienne Furger |
| Der Pfarrer | Marco Della Casa |
| Ursel, seine Köchin | Carol Wiedmer-Scheidegger |
| Der Schulmeister | Lothar Gregor |
| Toinette, seine Frau | Lucretia Gadient |
| Steffi | Franziska Schiegg |
| Wendel, ihr Verlobter | Claudius Lüthi |
| Vogellisi (alternierend) | Ulli Bayer, Chantal Hediger |
| Orgel-Jakob, ein Vazierender | Philippe Béchir |
| Heiliger Joseph | Cleo Heuss |
| Alois | Philippe Béchir |
Zeit: 1798, als die Franzosen die alte Schweiz eroberten.
Ort: Ybrig, ein Gebirgsdorf. Der Drusberggipfel.
Am ersten gemeinsamen Probenwochenende für diese Produktion versuchten wir uns dem Thema „Feind“ anzunähern. Ein Teil unseres Ensembles sollte „den Feind spielen“. Die anderen schauten zu. Nach
einigen Darstellungen des Feindes, die sich von wilden Bewegungen, furchteinflössenden Gesten und unfeinem Benehmen bis zu verdächtigem Nichtstun, gefährlicher Ruhe und mitleidigem Betteln
erstreckten, ergab sich eine Diskussion, ob wir nun den Feind oder das Feindbild darzustellen hätten. Geht es darum, was in unseren Köpfen der Feind tut, oder was er in Wirklichkeit macht? Wenn
wir dem Bild in unseren Köpfen gefolgt wären, hätten wir das Feindbild dargestellt. Diese Vorstellungen, was der Feind tut, nimmt zuweilen abstruse Formen an. Schon 1798, als die französischen
Truppen in die alte Schweiz einmarschierten, malte man sich den Feind in den buntesten Farben aus. Die französischen Truppen waren bemüht, die früheren Niederlagen ihrer Armee den alten
Eidgenossen heimzuzahlen und alle Erinnerungen daran zu tilgen. Als sie in Murten waren, zerstörten sie deshalb das Beinhaus. Es enthielt, um allfällige Angreifer abzuschrecken, säuberlich
aufgetürmt die Totenschädel der Feinde von der Schlacht bei Murten (1476). Diese Zerstörung war für die Eidgenossen etwas derart Ungeheuerliches, dass sie glaubten, ein Teil der Franzosen seien
Geister, die direkt aus der Hölle kämen. Es gab nämlich viele Hinweise, dass die Franzosen ihre Toten aus dem Beinhaus wieder lebendig gemacht hatten.
Auch die Ybriger in unserem Stück erwarten ein französisches Monster, doch dann kommt nur ein harmloses Französlein. Die Frauen erkennen, dass die Furcht vor dem Feind ganz unberechtigt war.
Durch diese Erkenntnis kommt es für die Männer zur Katastrophe: Ihre Frauen verlieben sich in den Feind. Die Männer biegen die Sachlage aber für sich so zurecht, dass das alte Feindbild wieder
stimmt: Ihre Frauen verführten nicht den Franzosen, sie wurden von ihm geschändet!
Doch dann stellt sich heraus, wer der wahre Feind ist. Der nahende Napoleon lässt alle Probleme nichtig werden. Er verfolgt stur seine Interessen. Diese Rücksichtslosigkeit gegenüber den anderen
Interessen macht ihn zum wahren Feind.
Was also hätten wir in unserer Einstiegsimprovisation darstellen sollen, wenn wir den Feind hätten zeigen wollen, so wie er wirklich ist? Wir hätten jemanden zeigen müssen, der rücksichtslos und
ohne Kompromisse seine Ziele verfolgt, denn das eigentlich Feindliche ist nicht bloss das Unangenehme und Abstossende, sondern dasjenige, das unsere Existenz bedroht.
verfasst von den jeweiligen Darstellerinnen und Darsteller
Sébastien Deschamps wurde im Sternzeichen des Angsthasen in Paris geboren. Der Vater, ein ranghoher Offizier der „Grande Armée“ und starker Alkoholiker, die Mutter ein unscheinbares
Mauerblümchen, so wuchs Sébastien als Einzelkind wohl behütet auf. Dem stolzen und grössenwahnsinnigen Vater war klar, was aus seinem Sohn einst werden sollte: Der Nachfolger Napoleons und somit
Feldherr der Grande Armée!
(Dominik Steinmann als Foulon)
[...] Einmal aber kam Wendel. Er war ein junger hübscher Mann. Es war das erste Mal für ihn. Und da ich ihn kannte und er so schmuck war..., da war es plötzlich etwas ganz Neues, etwas Schönes.
Nach dieser Nacht schwebte ich wie auf einer Wolke. Ich war verliebt. Kurz darauf starb Vater. Zuerst änderte sich für mich nicht viel. Die Männer aus dem Dorf kamen weiterhin – im gewohnten
Rhythmus. Bis ich merkte, dass ich ein Bäuchlein bekam... [...]
(Ulli Bayer, als Vogellisi)
[...] Eines Nachts hatte ich einen seltsamen Traum: Auf dem Ybrig tausend Mann, mit Pinsel und Leinwand in der Hand, alle gleich gekleidet, in derselben Pose. Sie schrien: „Isch bin der Pinsöl
von Napoleon, darf isch sie schnell malen?“ Wieder und immer wieder. Ich verstand nicht, was sie sagten. Aber es war französisch, und das konnte nichts Gutes bedeuten. [...]
(Marco Trevisan als Lymbacher)
[...] 12 Jahre lang lernte er die Heilige Schrift, legte sein Gelübde ab und wurde in die Bruderschaft aufgenommen. Dann beschloss er, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden und reiste nach
Einsiedeln. Mit dem 32. Lebensjahr erhielt er die ersten Vikariate. [...] Im Kloster, weit ab vom anderen Geschlecht, konnte er seine Keuschheit bewahren. Doch hier in Ybrig muss er sich schon
sehr beherrschen, wenn eine Frau nahe bei ihm ist. Es gefällt ihm, verwirrt ihn aber zugleich – [...]
(Marco Della Casa als Pfarrer)
[...] Nach einem feucht-fröhlichen Dorffest ging er auch mal zu Vogellisi. Die Nacht unter dem Apfelbaum war schnell vergessen. Er hatte sich ja auch genug Mut antrinken müssen. Eine Frau für
sein Haus war die sowieso nicht. Wendels Mutter hatte gesagt: „Bueb, du muischt hirate. Hesch dr dSteffi emol agluiget. Di ischt den ä Gschaffigi, u au em Herrgott wohl!“ Naja. Steffi war schon
in Ordnung. Sie sprach schnell von Hochzeit. Ihm sollte es recht sein, solange sie nicht überall in seine Angelegenheiten reinschwatzte. Das würde zwar noch kommen, hatte der Lymbacher ihm
gesagt. [...]
(Claudius Lüthi als Wendel)
[...] Sie glaubte die Liebe bei einem Burschen im Dorf zu finden, den sie beim Tanzen kennen gelernt hatte. Sie tanzte gern und war an jedem Dorffest zugegen. Als der Vater von der Beziehung Wind
bekam, verbot er ihr den Umgang. Bitter enttäuscht, beschloss sie auszuziehen. Von einer Freundin erfuhr Rosi, dass im Dorf Ybrig eine Serviertochter gesucht würde. Sie packte ihre Sachen und
ging. [...]
(Julienne Furger als Rosi)
[...] Als ich am Abend in Ybrig eintraf, war alles schon dunkel. Ich fand Unterkunft in der Kirche. Dort traf ich auf den altehrwürdigen Pfarrer von Ybrig, der mich sofort ins Pfarrhaus mitnahm.
[...] Vor zwei Jahren kam dann dieser junge Pfarrer. Na ja, die Bibel versteht er zwar und Predigten schreiben kann er auch. Aber von der Gemeinde hat er ja keine Ahnung! Wie gut, dass ich
überall anpacken kann. Überhaupt sitzt er noch zu viel beim Lymbacher und giesst sich einen hinter die Binde. Da muss ich ihn öfters mal holen und ihm den rechten Weg weisen.
(Carol Wiedmer-Scheidegger als Ursel)
[...] So lernte der kleine Jakob bald einmal das Handeln. Er verstand es, aus jedem noch so ausrangierten Gegenstand etwas herauszuholen, wenn er diesen an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit
anpries. Auf dem abgelegenen Hof, wo nur selten fremde Leute auftauchten, schulte er sein Verhandlungsgeschick auch mit den Geschwistern, die ihn – gegen brauchbare Gegenstände – an Erfahrungen
hinter Miststock und in Heuhaufen teilhaben liessen. [...]
(Philippe Béchir als Orgel-Jakob)
[...] Der Schulmeister hatte einen schweren Stand im Dorf, der lediglich durch die Anerkennung bei den Schulkindern gemildert wurde. Seine Aufenthalte im Wirtshaus wurden immer länger, die
Verliebtheit in seine Toinette war schnell verflogen und der Ehe waren eigene Kinder versagt. In dieser Eintönigkeit des Landlebens ergriff er jede Gelegenheit, um durch gescheite Sprüche auf
sich aufmerksam zu machen. Aber das Gespött der Dorfbewohner liess nicht lange auf sich warten und seine Frau verwandelte sich immer mehr in ein unzufriedenes, resolutes Weib. [...]
(Lothar Gregor als Schulmeister)
[...] Schön war sie nie. Und trotzdem standen ihre Chancen bei den Burschen nicht schlecht. Sie hatte Temperament, Humor und eine gewisse Unverschämtheit. Mit 18 verliebte sie sich in Sämi, den
Holzschnitzer. Zwei Monate nach der Verlobung verschwand Sämi aus dem Dorf – niemand wusste wohin. Man munkelte etwas von Fremdenlegion. [...] Nachdem die drei Geschwister geheiratet und der
Vater das Zeitliche gesegnet hatte, beschloss Käthi, mit ihrer Lieblingsgeiss, den Hühnern, Katzen und Bäri, dem Hund, in ein kleines Häuschen mit Garten am Dorfrand zu ziehen. [...] Sie
entwickelte sich zum Dorfunikum ohne das man sich das Dorf Ybrig gar nicht mehr vorstellen konnte. Sie hat die Stellung im Dorf, wie der Narr am Hof.
(Vreni Urech als Mutter Kälin)
Thomas Schuler
Musikalische Leitung und Klavier